Schwierige Elterngefühle –

Ich sitze am Meer. Meine Familie vergnügt sich gerade ohne mich im Wasser. Um mich herum zwei von ihren schreienden Kindern genervte Elternpaare. Besonders eine Mutter ist sichtlich bemüht, ihr Kind schnell zu beruhigen und man spürt förmlich, wie unangenehm ihr die Situation ist. Während das zweite Paar gerade beginnt, sich gegenseitig anzugiften, wirft sich die etwa zweijährige Tochter trotzig in den Sand.

Ihr kennt vermutlich ähnliche Situationen. Oder habt Ihr noch keine Kinder und wünscht Euch welche? 

Werdende Eltern hegen Fantasien! Über sich als Mutter oder Vater und was für ein wunderbares Kind sie haben werden. Sie stellen sich vor, es über alles zu lieben und dass mit diesem Baby auch das Glück zu Hause einzieht. Manche Frauen hegen den heimlichen Wunsch, mit einer Mutterschaft unersetzlich zu werden und Männer bejubeln in Gedanken schon die sportlichen Erfolge ihrer Söhne. Einig sind sie sich darin, auf keinen Fall die Fehler der eigenen Eltern zu wiederholen. Sie lesen Erziehungsberater und kennen nach kurzer Zeit sämtliche Testergebnisse zur besten Babymatratze oder dem Schnuller mit dem geringsten Anteil an schädlichen Weichmachern. Es werden Kreissäle mit beruhigender Atmosphäre besichtigt und die Vorteile einer natürlichen Geburt diskutiert. 

Das alles ist wichtig und dient letztlich nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Vorbereitung auf das Leben zu dritt. 

Worauf wir uns allerdings nicht vorbereiten können, sind die vielen intensiven Emotionen, die in den nächsten Jahren über uns hereinbrechen. Erleben die meisten Mütter und Väter in der ersten Phase nach der Geburt tatsächlich eine intensive Verliebtheit mit ihrem Baby, verändert sich dies im Laufe der Zeit. 

Wie bei jeder anderen Verliebtheit, stellen sich mit dem Alltag auch negative Gefühle ein. Wir sind genervt über das Schreien des Babys oder verärgert über unseren Partner, weil er sich weniger engagiert als vor der Geburt versprochen. Manchmal fühlen wir uns eingeengt und fremdbestimmt – weil das tatsächlich auch so ist mit Baby! Wenn unser Kind älter ist, sind wir vielleicht enttäuscht, weil es unsere Vorlieben nicht teilt und anders ist, als wir uns das in unserer Fantasie ausgemalt hatten. Manche Eltern kennen sogar das Gefühl der Scham – z.B., wenn sich der Sprössling in der Öffentlichkeit daneben benimmt. Dann weicht die sonst erlebte Verbundenheit einem Gefühl der Fremdheit. 

Eine Freundin erzählte mir einmal von einem heftigen Konflikt mit ihrer pubertierenden Tochter und gestand, dass sie nie gedacht hätte, ihr Kind so schrecklich zu finden, ja, fast hassen zu können. So ein Eingeständnis gleicht einem gesellschaftlichen Tabu. Wie selbstverständlich betrachten wir unsere Kinder als höchstes Gut und viele versuchen einander im Wettstreit um die beste Elternschaft zu übertreffen. Gerade deshalb finde ich diese Aussage so mutig, menschlich und vollkommen realistisch!

Als Mutter oder Vater kommen ungeahnte Herausforderungen und Gefühle auf uns zu. Sie treffen uns zu den unmöglichsten Zeitpunkten und manchmal bringen sie uns in Not. Hinzu können uns eigene (oft unbewusste) frühere Beziehungserfahrungen belasten und uns den Kontakt zu unserem Kind zwischenzeitlich erschweren. Dazu später mal mehr.

Bis zu einem gewissen Grad ist das vollkommen normal. Wir brauchen Zeit, in die Elternrolle hineinzuwachsen – nicht nur Kinder entwickeln sich!

Aus der Psychoanalyse wissen wir seit jeher um die Bedeutsamkeit von Fantasien. In den Behandlungen wird daher viel mit diesen gearbeitet. Zu jeder Fantasie – v.a., wenn diese einem harmonischen Ideal entspricht – gehört die Enttäuschung. Das ist unabdingbar und es bringt nichts, dagegen anzukämpfen. Ganz im Gegenteil: es kann entlastend sein, zu den erlebten Enttäuschungen und Nöten zu stehen und darüber zu sprechen. Was glaubt Ihr, wie viele Eltern solche Gefühle teilen! 

Zu einer guten Mutter und einem guten Vater gehört es eben nicht, immerzu perfekt zu sein und sich jegliches schlechte Gefühl zu verbieten. Und genau so wenig sind unsere Kinder dazu da, unsere unrealistischen Vorstellungen einer Familienidylle zu erfüllen. 

Es gehört Mut dazu, diese Vorstellungen selbstkritisch zu reflektieren und überhöhte Fantasien durch lebbare zu ersetzen. Oft entstehen übrigens genau durch diesen Prozess ungeahnte tolle Momente – eben, weil Platz für Neues und Spontanes entsteht. Dann kann der Urlaub eine ganz normale schön-schreckliche Familienzeit werden! Raus aus der Idylle, rein ins Leben!