Abstinenz – 

Ich bitte Michael ins Behandlungszimmer. Noch während er seine Jacke an den Haken hängt, fragt er mich lachend, wie es mir geht. Dann setzt er sich hin und schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue zurück und sage nichts. Michael wirkt erst angespannt, dann ärgerlich. Warum ich nicht antworte, will er schließlich wissen. 

Ja, warum eigentlich? Von außen betrachtet ganz schön unhöflich von mir. Jetzt heißt es, erst einmal, die aufgetretene Spannung auszuhalten, statt vorschnell zu antworten und damit zumindest vordergründig für eine Entschärfung der Situation zu sorgen. 

…frage ich ihn schließlich. Nun ja, ich könne doch ruhig mal etwas über mich erzählen, findet Michael. Schließlich wisse ich über ihn inzwischen eine ganze Menge, er jedoch so gut wie nichts über mich. Das sei nicht ausgeglichen, irgendwie unfair. Ob das denn schlimm sei, möchte ich wissen, und jetzt wird Michael richtig wütend. Ständig wollten die Menschen etwas von ihm, immer müsse er liefern und die Forderungen anderer erfüllen. Er habe schlicht keinen Bock mehr, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht möchte.

Ich antworte, dass er offenbar den Eindruck habe, die Therapie sei eine weitere Situation, in der etwas von ihm erwartet würde. Er stimmt zu und ergänzt, dass ich doch sicher möchte, dass er ein braver Patient sei. Auf meine Frage, woher er das wissen könne, antwortet Michael, schon seine Mutter habe ihn sein Leben lang mit ihren Forderungen und Ansprüchen unter Druck gesetzt. Immer sei er gezwungen gewesen, ein lieber Junge zu sein, habe vorauseilend ahnen müssen, was als nächstes von ihm erwartet würde. Um seine Wünsche und Bedürfnisse sei es nie gegangen und eigentlich wisse er auch gar nicht, welche das seien. Im Verdrängen bin ich echt gut, bekundet Michael, nicht ohne Sarkasmus. Ich spüre eine gewisse Traurigkeit mitschwingen.

Ich stelle die Frage in den Raum, ob sich in der Begrüßungsszene gerade eben ein Teil dieser Erfahrung wiederholt hat. Zuerst kann Michael dieser Überlegung nichts abgewinnen, schließlich habe er doch nur höflich gefragt, wie es mir geht. Aber dann fällt ihm ein, wie seine Mutter bis heute von ihm erwartet, dass er sich regelmäßig nach ihrem Befinden erkundigt. Meldet er sich längere Zeit nicht bei ihr, reagiert sie gekränkt und unterstellt ihm Desinteresse.

Nachdenkliches Schweigen. 

Dann erzählt Michael vom frühen Tod des Vaters und wie seine Mutter depressiv geworden sei. Das hat ihm Angst gemacht und er habe begonnen, sich um sie zu kümmern und die Mutter zu trösten. Für seine eigene Trauer habe es keinen Platz gegeben.

Er sei so trainiert darauf, andere danach zu fragen, wie es ihnen geht. Insbesondere Frauen schätzten dann seine Aufmerksamkeit und sein Interesse. Er wisse einfach nicht, wie es sei, über sich selbst und seine Gefühle zu sprechen.

Ich muss nichts mehr sagen, Michael erkennt nun selbst, wie ihn diese frühen Beziehungserfahrungen mit der Mutter geprägt haben und was seine scheinbar absichtslose Frage nach meinem Befinden damit zu tun hat. Er wirkt nun nicht mehr wütend, sondern traurig und unsicher. Am Ende der Stunde verabschiedet sich Michael das erste Mal ohne seinen sonstigen Übereifer.

In der Reflektion über diese Stunde bin ich mir sicher, dass gerade eben ein Einstieg in ein für Michael zentrales (Beziehungs-)Thema stattgefunden hat. Dieses Thema und die damit verbundenen Gefühle, Verletzungen und Schwierigkeiten werden uns sicher noch intensiv beschäftigen, begleiten und am Ende hoffentlich wichtige Veränderungen ermöglichen.

Zurück zur Ausgangsfrage, warum ich eigentlich nicht auf Michaels freundliche Konversation am Anfang der Stunde eingegangen bin. Dazu ein paar weitere Fragen als kleines Gedankenexperiment: Wie wäre die Stunde verlaufen, wenn ich „Danke gut, Wie nett, dass Sie fragen“ geantwortet hätte? Oder was wäre, wenn ich an dem Tag Kopfschmerzen oder eigenen Kummer gehabt und diesen geäußert hätte? Wenn ich Michaels Aufforderung, für Gleichheit zu sorgen, nachgekommen wäre, weil ich seinen aufkommenden Ärger gefürchtet hätte? 

Wären wir dann auch auf Michaels sehr prägende und bis heute Leid auslösende Beziehungsdynamik gekommen? Hätte Michael spüren können, wie wütend und traurig er darüber ist, sich ständig für das Wohlbefinden anderer, im speziellen Frauen, verantwortlich zu fühlen? Und wäre ihm klar geworden, wie sehr er sich dabei längst selbst vergessen hat? Mehr noch: Hätten wir verstehen können, was sich auch hier zwischen uns abspielt und warum ihn das womöglich erneut verletzt und auf seine Rolle des braven Jungen bzw. des braven Patienten reduziert hätte?

Die Gefahr wäre gewesen, dass sich damit Michaels Beziehungsdynamik wiederholt hätte. Womöglich hätte er sich damit erst einmal gut gefühlt, wäre emotional weniger unter Druck gekommen und hätte sich am Schluss wieder als das gute Gegenüber fühlen können, das sich um das Wohlergehen einer Frau gekümmert hat. Ich wage die Prognose, dass dies Michael nicht geholfen und er irgendwann enttäuscht die Therapie abgebrochen hätte.

Alles in allem hätten wir eine Chance vertan. Die Chance, Michael mit seiner Not kennen zu lernen und zu verstehen, was dahinter steckt. Oft liegen die Ursachen für seelisches Leid verdeckt in der Kindheit und wir sind uns dessen lange Zeit nicht bewusst. Wenn wir uns dann mit unseren Gefühlen und Verhaltensweisen verstehen, hat das etwas ungemein Tröstliches und Beruhigendes. Außerdem markiert dies meist den Beginn wichtiger und erhoffter Veränderungen.

Das hier beschriebene Konzept, das eine private Zurückhaltung seitens des Therapeuten beschreibt, nennt man Abstinenz. Ich möchte euch kurz erläutern, wie man dieses oft diskutierte Konzept verstehen und anwenden kann: Ganz allgemein geht es darum, die therapeutische Beziehung, die in der Regel von viel Vertrauen und Nähe geprägt ist, zu schützen und den therapeutischen Raum dem Patienten mit all seinen Nöten, Bedürfnissen, Gefühlen und Fantasien zur Verfügung zu stellen.

Deshalb verzichtet der Analytiker auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse und Wünsche, die in der Behandlung aufkommen können. Manches ist sogar gesetzlich verboten. Es ist strengstens untersagt, mit Patienten sexuellen Kontakt oder Geschäftsbeziehungen jenseits der Behandlungsvereinbarungen einzugehen. Darüberhinaus bedarf es eines   reflektierten Umgangs mit den eigenen Impulsen oder Gefühlen. Das, was ich als Analytikerin äußere, sollte grundsätzlich dem therapeutischen Prozess dienen.

So wie bei Michael. Seine Tendenz, es mir in den Stunden recht zu machen, habe ich früh wahrgenommen, aber erst einmal für mich behalten. Es wäre nicht richtig gewesen, hätte ich ihn damit direkt zu Beginn unseres Kennenlernens konfrontiert, z.B. weil ich ihm hätte demonstrieren wollen, über was für eine ausgezeichnete therapeutische Wahrnehmung ich verfüge. Dies wäre ein Beispiel für fehlende Abstinenz gewesen, denn mein Handeln hätte meinem Wunsch nach Bestätigung gegolten. Michael hätte ich damit verletzt, vielleicht sogar beschämt. 

Abstinenz bedeutet also auch, aufkommenden Gefühle, Impulse, innere Bilder wahrzunehmen und zu versuchen, diese zu verstehen, aber eben nicht direkt in Handlung oder Worte umzusetzen. In der Regel hat nämlich das, was in einer Sitzung passiert, mit dem Patienten und seiner individuellen Dynamik zu tun und es braucht den richtigen Zeitpunkt wie auch eine gewachsene Vertrauensbasis, um heikle Themen besprechen zu können.

Da ich meistens mehrere Jahre mit Patienten arbeite, entwickle ich als Analytikerin eine persönliche Beziehung zu den Patienten. Ich erfahre sehr viel aus ihrem Leben, kenne vermutlich das ein oder andere Geheimnis. Die Gefühle und Erkenntnisse, die in den Therapien entstehen, sind für die Patienten manchmal schwer auszuhalten, was nicht verwundert – schließlich erkranken Menschen nicht grundlos. Die therapeutische Beziehung ist das Kernstück jeder therapeutischen Arbeit, denn durch und in ihr vollzieht sich der heilende Prozess. Wenn sie nicht stimmt, funktioniert auch die Therapie nicht. Deshalb bedarf sie Umsicht und Schutz. Und so darf und soll die therapeutische Beziehung persönlich, aber eben nicht privat sein. 

Früher wurde das Abstinenzgebot zuweilen missverstanden und führte bei manchen Analytikern zu einem kühlen, abweisenden Verhalten, welches sogar schädigend für die Behandlung sein konnte. Das sorgte für berechtigte Kritik und heute gilt eine solch starre Haltung als überholt. 

Abstinenz hat also weder mit Unhöflichkeit oder emotionaler Kälte zu tun, noch damit, den Patienten quälen zu wollen. Sie soll eine therapeutische Beziehung ermöglichen, in dem der Patient mit seiner Problematik im Mittelpunkt stehen kann, ohne sich um den Therapeuten kümmern zu müssen. Einem Großteil der Patienten fehlte in ihrem bisherigen Leben ein solch geschützter Raum, was zur Folge hat, dass bestimmte seelische Entwicklungen nicht vollzogen werden konnten. So wie bei Michael. 

Aber sind Analytiker nicht auch ganz normale Menschen und durchleben Krisen und emotionale Belastungen? Doch, natürlich! Aber diese Themen gehören nicht in die Sitzung. Dafür ist das Privatleben des Therapeuten da – und darüber schreibe ich ein anderes Mal.

 

 

Dieser Artikel ist auch bei Psylife erschienen, dem Online-Magazin des Deutschen Psychologen Verlags.