Vor mir sitzt eine Frau, erfahrene Juristin und Mutter zweier erwachsener Söhne. Ihr Händedruck ist fest, die Mimik kontrolliert. Sie müsse sich einer größeren Operation unterziehen, erzählt die neue Patientin. Schon mehrfach habe sie den Op-Termin verschoben, denn sie schaffe das einfach nicht. 

Nach anfänglichem Zögern und unter großer Scham erzählt sie von ihren Ängsten. Sie wisse, dass diese Operation nötig sei und vermutlich alles gut gehe, aber etwas in ihr halte sie zurück. Es wir nur allzu deutlich, wie sehr die Patientin ihre Gefühle und ihr Verhalten ablehnt. Sie wolle ihre Ängste loswerden und dann endlich den ganzen Mist hinter sich bringen. Ob ich ihr helfen könne bei diesem Ziel, möchte sie am Ende des Erstgesprächs wissen. Am besten möge ich ihr sagen, sie solle sich nicht anstellen und stattdessen die Operation einfach durchziehen.

Als ich ihr meinen Eindruck schildere, ihre Gefühle hätten einen triftigen Grund und ich ihr anbiete, diesen gemeinsam mit ihr herauszufinden, will sie davon nichts wissen und verlässt umgehend die Praxis. Trotzdem kommt sie zu einer zweiten Stunde. Meine Worte hätten sie zum Nachdenken gebracht, aber skeptisch sei sie trotzdem. Was soll das schon bringen, sich mit so einer Gefühlsduselei zu beschäftigen?

Was mich allerdings skeptisch macht, ist ihre harte Art mit sich und anderen umzugehen. Warum darf sie keine Ängste haben und versucht diese, so energisch von sich wegzuschieben? Warum will sie auch mich dazu bringen, so hart zu ihr zu sein?

Genau das frage ich schließlich die Patientin und nach langem Schweigen erzählt sie, dass ihr die Gefühle früh ausgetrieben worden seien. Ihre Eltern seien im Krieg aufgewachsen und hätten ums Überleben kämpfen müssen. Das habe diese sehr geprägt. Die Patientin erinnert kaum Warmherzigkeit oder Trost. Gefühle galten als Schwäche, die bekämpft werden musste.

In den folgenden Sitzungen fallen der Patientin immer mehr Bilder und Situationen ein. Unter anderem erinnert sie sich an eine frühe Mandel-Op und wie viel Angst sie damals gehabt hat. Der Arzt und die Schwestern haben sie nicht getröstet, sondern nur gefordert, still zu sein. Im Krankenhauszimmer war sie allein, ohne Besuch von den Eltern. 

In einer späteren Sitzung weint die Patientin. Was für ein mutiger Schritt für so eine kontrollierte Frau! Und das äußere ich auch. Natürlich schämt sie sich anfangs für Ihr Weinen und die Gefühle, die nun immer mehr zum Vorschein kommen. Doch ihre Mimik wird weicher, unser Kontakt vertrauter.

Mit der Zeit gelingt es, die prägenden Kindheitserfahrungen mit der erwachsenen, toughen Frau von heute zu verbinden. Die Patientin erkennt, dass sie ihre Ängste stets verdrängt hat – als eine Art Selbstschutz – und dass dies ob der anstehenden Operation nun nicht mehr gelingt. 

Ein ganz entscheidender Schritt ist es dann, als sie anerkennen kann, sich in der therapeutischen Beziehung mit mir anders zu fühlen. Hier in der Therapie wird sie für ihre Gefühle nicht verurteilt, sondern angenommen. Wir lachen oft und viel und irgendwann merkt die Patientin, dass sich durch unseren vertrauensvollen Kontakt etwas in ihr verändert hat. 

Das alles ist ein langer, intensiver Prozess mit vielen kleinen Trippelschritten, der nicht ohne Rückschläge verläuft. Häufig unterstellt sie mir, dass ich sie für schwach halte und sie für ihre Gefühle verachte. Als die Patientin erkennt, dass sie es selbst ist, die so über sich denkt, wird ihr bewusst, wie sehr sie die Haltung der Eltern und die gefühlskalte Beziehung zu ihnen verinnerlicht hat. Die Worte der Eltern wurden zu ihren eigenen Worten. Diesen Vorgang nennt man in der Psychoanalyse Internalisierung. 

Und so geht es immer weiter und irgendwann schämt sich die Patientin nicht mehr für sich und ihre Ängste. Sie beginnt, diese zu akzeptieren, wie auch ihr bisher geheimgehaltenes Bedürfnis nach Unterstützung, Beruhigung und Trost. Als sie sich damit ihrem Mann und ihren Söhnen offenbart, sind diese überrascht, denn bisher kannten sie sie stets  beherrscht und unabhängig. 

Schließlich unterzieht sich die Patientin dem Eingriff. Ihr Mann kümmert sich liebevoll um sie und die Söhne besuchen ihre Mutter mehrmals im Krankenhaus.

Neben dem erhofften Ziel, sich der Operation unterziehen zu können, hat die Auseinandersetzung der Patientin mit ihrer Lebensgeschichte und den verdrängten Gefühlen auch dazu geführt, dass sich eine neue, emotionalere Beziehung zu ihrem Mann und ihren Söhnen entwickelte. 

Und die Patientin selbst? Sie ist immer noch lebenstüchtig, souverän und tough, aber sie ist besser mit sich und ihren Gefühlen im Kontakt. Dadurch wirkt sie auch auf andere nahbarer und lockerer. Von ihren Freunden hat sie dafür viel positives Feedback bekommen.

Der Umweg über die Vergangenheit war es, der diese Entwicklung ermöglicht hat. Umwege erweitern die Ortskenntnis. :)

Euch allen eine gute Reise!